Chinesische Medizin

Emotionen

„Als erstes erkrankt das Wesen.“ Dieser Satz stammt aus einem der ältesten Texte der Chinesischen Tradition (dem So Wen) und drückt aus, was der Kern einer jeden Störung unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens ist.

Wir alle strengen uns an in dem Versuch, nach den Vorstellungen unserer Eltern, unserer Lehrer, der Gesellschaft, in der wir leben, zu funktionieren, die Erwartungen und Vorstellungen anderer zu erfüllen; wir orientieren uns am Außen und legen die Maßstäbe anderer Menschen an unser eigenes Leben an. 

Wir streben nach Leistung, nach materiellem Erfolg und materieller Sicherheit, nach Anerkennung und Gemochtwerden und Dazugehören und vergessen dabei – uns. Wir hören nicht auf unsere innere Stimme, wir nehmen unsere ureigensten Regungen nicht mehr wahr oder unterdrücken oder ignorieren sie sofort, wenn sie uns nicht konform erscheinen; wir denken uns erheblich viel mehr, als dass wir uns zu fühlen wagen.

Unterdrückte Gefühle

Indem wir unsere Gefühle unterdrücken, verdrängen und verleugnen, berauben wir unsere Seele ihrer authentischen Möglichkeit, sich auszudrücken; wir legen ihr einen Knebel an und schicken sie ohne Essen ins Bett. 

Ein typischer Dialog mit unserer Seele könnte sich in etwa so anhören: „Halt jetzt endlich den Mund, ich muß diese Präsentation vorbereiten; ich bemühe mich hier gerade, bloß keinen Fehler zu machen und morgen vor den Kollegen und meinem Chef gut dazustehen, und Du erzählst mir, Du willst lieber draußen in der Sonne auf der Wiese liegen und die Wolken über Dich hinweg ziehen sehen?“

Oder so: „Aber ich muss mich krumm schuften für das Häuschen mit Garten, die Lebensversicherung und das teure Auto, das macht man doch so; eigentlich würde ich ja viel lieber alles verkaufen und auf Weltreise gehen, aber das kann ich doch nicht machen…“

Unser Körper als Sprachrohr

Kommt Ihnen das bekannt vor? Falls ja, befinden Sie sich in guter Gesellschaft von uns allen. 

Wie antwortet unsere Seele auf diese oft so stiefmütterliche Behandlung? Sie wird traurig. Sie wird wütend. Und – dem Himmel sei Dank – sie gibt so schnell nicht auf. Sie sucht sich andere Wege, sich bei uns Gehör zu verschaffen. Sie nutzt dazu unseren Körper als Sprachrohr. Laden wir uns beispielsweise immer wieder viel zu viel Verantwortung für andere auf, „verbiegen“ wir uns, indem wir ständig Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht wollen und trauen wir uns nicht, unser „Kreuz gerade zu machen“ und für uns einzustehen, könnte es sein, dass wir eines Tages z. B. einen Bandscheibenvorfall erleiden – und dadurch gezwungen sind, innezuhalten. Unsere Seele tritt sozusagen auf die Bremse und spricht durch ein Megaphon zu uns, in der Hoffnung, dass wir jetzt vielleicht endlich mal zuhören.

Jede Krankheit, jedes Symptom ist daher ein Versuch unserer Seele, mit uns zu kommunizieren, uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir über uns hinweggehen und unser wahres Wesen nicht zum Zug kommen lassen.

Wenn wir das begreifen, sind wir unserer Heilung schon einen bedeutenden Schritt näher.

Wie aber können wir herausfinden, was unsere Seele uns mitteilen will, worauf unsere Symptome uns hinweisen sollen? Indem wir wieder üben, „Seelisch“ zu sprechen: indem wir uns wieder erlauben, uns zu fühlen. 

Unsere Gefühle sind unsere Wegweiser auf dem Weg zu unserer ganz individuellen Lebendigkeit und Gesundheit; „chinesisch“ gesprochen sind unsere Gefühle der für unsere Gesundheit wesentlichste Aspekt unseres Qi. Wenn unsere Gefühle nicht frei fließen dürfen, produzieren wir seelisches Unwohlsein und blockieren unser Qi, was auf Dauer unweigerlich auch körperliches Unwohlsein nach sich ziehen wird (s. hierzu Chinesische Medizin).

So ist es ein wesentlicher Teil meiner Arbeit, wo nötig meine Patienten darin zu unterstützen, zu einem heilsamen Umgang mit ihren Emotionen (zurück) zu finden und so ein Gesundwerden im wirklich ganzheitlichen Sinne möglich zu machen.